Hard Facts - Prostitution

Prostitution ist häufig ein Tabuthema, zu dem wir euch hier ein paar Infos liefern wollen.


Prostitution ist das Anbieten von sexuellen Handlungen gegen Entgelt.

Es gibt ganz unterschiedliche Definitionen was Prostitution ist und ausmacht. In dem sogenannten Prostituiertenschutzgesetz (kurz: ProstSchG), welches im Juli 2017 in Kraft getreten ist, wird Prostitution definiert als „sexuelle Handlung mindestens einer Person an oder vor mindestens einer anderen unmittelbar anwesenden Person gegen Entgelt oder das Zulassen einer sexuellen Handlung an oder vor der eigenen Person gegen Entgelt“ (Dt. Bundestag 2016: 2). In der Praxis können neben Geld auch materielle Güter, z. B. Drogen, ein Zahlungsmittel darstellen (Schrader 2013: 23). Ein weiterer Aspekt der Prostitution ist, dass die bezahlten sexuellen Handlungen meist mit verschiedenen und wechselnden Sexkäufern zu deren Befriedigung stattfinden (Universität Hamburg). Auch der ehemalige Kriminalhauptkommissar Paulus betont in seiner Definition, dass es bei Prostitution um das „Anbieten des eigenen Körpers zur sexuellen Befriedigung anderer Personen gegen materielle Entlohnung“ geht (Paulus 2016: 5).


Prostitution ist (un)freiwillig?

Die Grenzen der (Un)freiwilligkeit im Sexgewerbe sind oft fließend und klare Einteilungen in der Praxis meist schwierig.

Eine Studie des BMFSJ* hat ergeben, dass sich viele Personen in der Prostitution in einer schwierigen sozialen und psychischen Situation befinden und daher hinterfragt werden kann, inwieweit sie sich wirklich frei für oder eben auch gegen diese Tätigkeit entscheiden konnten (BMFSFJ 2007: 10).

Auch von Seiten der Polizei gibt es einige kritische Stimmen. So schätzen beispielsweise die Polizisten Sporer aus Augsburg oder Ubben aus Hamburg den Anteil derer, die sich aufgrund unterschiedlichster Zwänge prostituieren, sogar auf bis zu 90 % bzw. 95 % (Sporer 2013: 5; Andrick 2012).

Die Frankfurter Fachberatungsstelle für Frauen in der Prostitution „FIM e. V.“, ist der Ansicht, dass sich ein Großteil der Prostituierten „im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten entschieden haben oder dazu entscheiden mussten, im Milieu zu arbeiten, unter extrem erniedrigenden und menschenunwürdigen Bedingungen tätig sind“ (Niesner 2014: 4). Dabei betonen sie in ihrer Stellungnahme, dass es sich „nicht einfach um einen ausbeuterischen Arbeitsmarkt [handle], sondern um die Verkettung von strukturellen und individuellen Zwangssituationen, die zur Ausweglosigkeit führen“ (ebd.).

Der bekannte Philosoph Jean-Jacques Rousseau sagte, dass die Freiheit des Menschen nicht darin liegt, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will. Die meisten Personen in der Prostitution haben aber keine wirkliche Wahl.

Sandra Norak, die selbst einige Jahre in der Prostitution war und den Ausstieg geschafft hat, sagte in einem Interview mit uns folgendes: „Wenn man tiefer blickt, sieht man, dass die Lebensumstände die Menschen in die Prostitution gezwungen haben. Es ist wie wenn jemand von einem brennenden Gebäude springt – man kann natürlich sagen derjenige hat freiwillig gewählt zu springen. Man kann aber auch sagen, diese Person hatte keine Wahl. Ich möchte nicht leugnen, dass es Menschen gibt, die sich prostituieren und für die es okay sein mag, aber das ist nicht die große Masse, sondern nur ein kleiner Bruchteil. Für die große Masse bedeutet Prostitution gefangen zu sein. Gefangen in einem Leben voller Gewalt und voller Lügen. Prostitution bedeutet für diese Menschen ein enormes Ausmaß an unsagbarem, nie wieder gut zu machendem Leid.“ (Jahresbericht 2017: 25)


Wie viele Personen genau in der Prostitution sind, ist unklar. Es gibt dafür keine wissenschaftlichen Angaben.

Es gibt Schätzungen, die von 400.000 tätigen Personen in der Prostitution ausgehen. Diese Zahl ist im Zusammenhang einer politischen Diskussion um Geschlechtergleichstellung Ende der 1980er Jahre entstanden und konnte jedoch nie wissenschaftlich nachgewiesen werden (Bundesministerium für Frauen und Jugend 1994: 4, 8; Kavemann/Steffan 2013).

Es gibt konkretere Angaben aus der Stadt München: Dort lässt sich feststellen, dass sich die Anzahl der sich prostituierenden Personen vermutlich verdoppelt bis verdreifacht hat. In den 1990er Jahren wurden von der Kriminalpolizei ca. 800 – 1200 Personen in der Prostitution geschätzt (Bundesministerium für Frauen und Jugend 1994: 189). Im Jahr 2016 waren laut dem Polizeibericht München 2777 registrierte Personen in der legalen Prostitution tätig (Polizeipräsidium 2017: 62).


In der Prostitution sind mit großer Mehrheit Frauen tätig. Sexkäufer sind hingegen zum Großteil männlich.

Ca.  93 % der Personen, die sich prostituieren, sind Schätzungen nach weiblich – nur 4 % hingegen sind männlich und 3 % transgender (TAMPEP 2007: 6). Weitere Schätzungen gehen davon aus, dass über eine Million Männer täglich zu Prostituierten gehen (Dt. Bundestag 2001: 1). Derzeit gibt es jedoch nur eine quantitative Studie aus den 1990er Jahren, die laut Umfrage ergab, dass ca. 18 % der geschlechtsreifen männlichen Bevölkerung dauerhaft aktive Sexkäufer sind (Gerheim 2011: 7).


Deutschland gilt als wichtiges Zielland für Migrantinnen in der Prostitution – häufig aus den Armutsregionen Europas.

Mit den EU-Osterweiterungen in den Jahren 2004 und 2007 hat sich auch das Prostitutionsmilieu stark verändert. Immer mehr junge Frauen kommen häufig aufgrund von Perspektivlosigkeit und Armut aus wirtschaftlich schwachen Ländern nach Deutschland, um sich hier zu prostituieren (Wege 2015: 82).

Armutsprostitution ist häufig verbunden mit

  • fehlender Schul- und Berufsbildung
  • fehlender Gesundheitsversorgung
  • Geschlechtsverkehr ohne Kondom
  • mangelnden Deutschkenntnissen
  • inakzeptablen Marktgesetzen, z. B. Dumpingpreisen oder extrem hohen täglichen Freierzahlen (Niesner 2014:2)

Beispiel München:
Im Jahr 2016 betrug in dieser Stadt der Anteil der Migrantinnen in der Prostitution rund 89 % - ein neuer Höchstwert (Polizeipräsidium München 2017: 62f.)


Prostitution findet an unterschiedlichen Orten statt.

Abhängig von dem Ort der Prostitutionsausübung variieren z. B. Preise, Sicherheit oder Gewaltrisiken (Gugel 2011: 55).

Laut Schätzung übt ein Großteil der sich Prostituierenden (80%) ihre Tätigkeit „indoor-based“, also nicht auf dem Straßenstrich, aus. Es ist ein Wandel festzustellen, welchen man „Verhäuslichung“ nennt – weg von der Straßenprostitution hin zur Bordell- und Wohnungsprostitution (Albert 2015: 14).

Schätzungen nach sind

  • ca. 40 % in Wohnungen,
  • ca. 23 % in Bordellen,
  • ca. 16 % in Bars und Clubs,
  • ca. 4 % in Massage Salons
  • und ca. 4 % im Escort Service (TAMPEP 2007: 6)

Manche Städte weisen spezielle Bezirke auf, die als Prostitutionsmilieu bekannt sind, z. B. St. Pauli in Hamburg oder das Leonardviertel in Stuttgart (Albert 2015: 15).


Prostitution ist mit einem hohen Gewalt- und Gesundheitsrisiko verbunden.

In einer Studie gaben mehr als 50 % der befragten prostituierten Frauen an, schon einmal Opfer einer Gewalttat durch Sexkäufer, Zuhälter oder Bordellbesitzer geworden zu sein (BMFSFJ 2004a: 6). Außerdem wurde festgestellt, dass Prostitution oft mit schweren körperlichen und psychischen Belastungen verbunden ist und überwiegend von Personen ausgeübt wird, die besonders leicht verwundbar sind:

  • 41 % berichten, körperliche oder/und sexuelle Gewalt in der Prostitution erlebt zu haben
  • 25 % hatten gelegentlich oder häufig Selbstmordgedanken
  • 41 % konsumierten in den letzten zwölf Monaten Drogen
  • Viele wiesen gesundheitliche Beschwerden u. a. im gynäkologischen sowie im Magen-Darm-Bereich auf (BMFSFJ 2004a; BMFSFJ 2004b: 24-27; BMFSFJ 2007: 9).

Diverse nationale und internationale Untersuchungen haben weiterhin ergeben, dass viele sich prostituierende Frauen in ihrer Kindheit und/oder Jugend sexueller, psychischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt waren (BMFSFJ 2004a; BMFSFJ 2004b).
Heide, ehrenamtlicher Gynäkologe bei der Fachberatungsstelle „Amalie“ für Frauen in der Prostitution, beschreibt den Gesundheitszustand der meisten sich prostituierenden Frauen als katastrophal (2016: 9). Er berichtet von schwangeren Frauen, die sich bis kurz vor der Entbindung prostituieren und dem Druck einiger Frauen nach der Geburt trotz Geburtsverletzungen wieder durch die Prostitution Geld zu verdienen (ebd.: 2ff.). Die sich prostituierenden Frauen müssen dabei Ekel und Abneigung unterdrücken (ebd.: 9).
Problematisch ist außerdem, dass viele sich prostituierende Personen nicht krankenversichert sind.  Die Einschätzung von Heide, dass ca. 90 % aller Frauen in der Prostitution keine Krankenversicherung haben, deckt sich mit den Ergebnissen der Studie des Robert Koch-Instituts von 2015 (ebd.: 7). Eine durch die Bundesregierung beauftragte Evaluation des Prostitutionsgesetzes ergab, dass zwar die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen wurden, damit sich prostituierende Menschen Zugang zu einem Beschäftigungsverhältnis und zu Sozialversicherungsleistungen erlangen können, jedoch wurde dies kaum in Anspruch genommen. Nur 1 % der Befragten gab an, einen Arbeitsvertrag als Prostituierte zu haben und nur wenige waren als Prostituierte krankenversichert (BMFSFJ 2007: 16, 80).


* Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

 

Quellen:

Albert, M. (2015): Soziale Arbeit im Bereich Prostitution. Strukturelle Entwicklungstendenzen im Kontext von Organisation, Sozialraum und professioneller Rolle. In: Albert, M./Wege, J. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Prostitution. Professionelle Handlungsansätze in Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS.

Andrick, S. (2012): Wirklich freiwillig ist niemand Prostituierte. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/1KVYV6Q.

BMFSFJ (Hrsg.) (2004a): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zur Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2kRmhOX. 

BMFSFJ (Hrsg.) (2004b): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Kurzfassung. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2lzkTV8. 
BMFSFJ (Hrsg.) (2007): Bericht der Bundesregierung zu den Auswirkungen des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz–ProstG). Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2eX7HFd.

Bundesministerium für Frauen und Jugend (Hrsg.) (1994): Dokumentation zur rechtlichen und sozialen Situation von Prostituierten in der Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag.

Dt. Bundestag (2001): Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation der Prostituierten. Zugiff am 19.05.2018 unter https://bit.ly/2v8KrNJ.

Dt. Bundestag (2016): Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2016 Teil I Nr. 50. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2sj2L3d.

Gerheim, Udo (2011): Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution. Eine soziologische Studie. 1. Auflage Bielefeld: transcript (Gender Studies).

Gugel, R. (2011): Das Spannungsverhältnis zwischen Prostitutionsgesetz und Art. 3 II Grundgesetz. Eine rechtspolitische Untersuchung. Berlin.

Heide, W. (2016): Stellungnahme zur Anhörung zum Entwurf eines Gesetzes zur Regelung des Prostitutionsgewerbes sowie zu Schutz von in der Prostitution tätigen Personen. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2mf6evy. 
Kavemann,B./Steffan, E. (2013): Prostitution. Zehn Jahre Prostitutionsgesetz und die Kontroverse um die Auswirkung. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2rgoyHy.

Niesner, E. (2014): Stellungnahme FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht e. V.. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2lDF8kU. 

Paulus, M. (2016): Im Schatten des Rotlichts. Verbrechen hinter glitzernden Fassaden. Ulm: Verlag Klemm+ Oelschläger.

Polizeipräsidium München (2017): Sicherheitsreport 2016. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2sydwyj. 

Schrader, K. (2013): Drogenprostitution. Eine intersektionale Betrachtung zur Handlungsfähigkeit drogengebrauchender Sexarbeiterinnen. Bielefeld: Transcript Verlag.

Sporer, H. (2013): Vortrag zum Seminar der European Women`s Lobby „Reality of Prostitution“ am 01.10.2013 in Brüssel. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2r0DlVY.

TAMPEP (2007): National Report on HIV and Sex Work. Germany. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2kERcmu. 

Universität Hamburg (Hrsg.): Prostitution. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2snBVcv. 

Wege, J. (2015): Soziale Arbeit im Kontext der Lebenswelt Prostitution. Professionelle Handlungsansätze im Spannungsfeld unterschiedlicher Systeme und Akteure. In: Albert, M./Wege, J. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Prostitution. Professionelle Handlungsansätze in Theorie und Praxis. S.73-97. Wiesbaden: Springer.