„Mit Kunst berühren und wachrütteln 

- ein Interview mit Sophia Walter

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Sophia Walter (28 Jahre) studiert Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. Inspiriert von dem Text „Sie“ von Kerstin Neuhaus setzt sie sich künstlerisch mit dem Thema „Prostitution“ auseinander und versucht in ihren illustrativen Acrylmalereien  zu hinterfragen, was viele für vollkommen „normal“ halten: einen Körper zur Befriedigung der eigenen sexuellen Bedürfnisse zu kaufen, die Objektivierung der Frau und eine Gesellschaft, die diese Praxis als legitim empfindet. Wir haben Sophia ein paar Fragen zu ihrem Projekt und ihren Gedanken über die Thematik gestellt.

Was verbindet dich mit dem Thema Menschenhandel und Prostitution?

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Die Thematik beschäftigt mich schon lange, weil ich durch zwei Freundinnen damit in Kontakt gekommen bin. Die eine war im Escort, die andere macht sich hingegen stark gegen sexuelle Ausbeutung, die in diesem Milieu stattfindet. Das ist natürlich ein deutlicher Kontrast. Außerdem beschäftige ich mich auch schon länger mit den Themen freie Sexualität, dem Körper, der Liebe zum eigenen Körper, der  Bedeutung von Sex und der jeweiligen Rollen von Partnern, auch beim Sex. Dann steht für mich im großen Kontrast die eine Freundin, die als Escort das ganze System als eines der sexuellen Freiheit für sich als Frau sieht. Dabei ist sie sehr privilegiert, da sie maximal 2-3 Termine pro Woche mit Freiern vereinbart, mit denen sie schon vorher in Kontakt stand. Im Gegensatz dazu steht das Elend der vielen Frauen, die unter den menschenunwürdigsten Bedingungen anschaffen müssen oder für sich keine andere Alternative sehen, die teilweise bis zu - ich kann es kaum glauben - 60 Freier die Nacht bedienen. Und zuletzt überlegte ich mir nun, ob die sexuelle Freiheit einiger weniger Menschen gleich viel wiegt gegenüber dem Elend all dieser anderen, die in der Dunkelheit dieses Systems zu Opfern werden. Also die Frage, ob es legitim, ja notwendig ist, Freiheit einer Minderheit einzuschränken, um die Freiheit einer Mehrheit zu schützen.

Was war für dich der Auslöser, dass du dich künstlerisch mit der Thematik befasst hast und wie sind deine Bilder entstanden?

Über lightup bin ich auf den Text und das Poetry-Video „Sie” von Kerstin Neuhaus gestoßen. Ich hatte dann direkt die Idee, Absätze ihres Textes zu illustrieren. Und so, finde ich auch, sollte der Text neben den Illustrationen stehen. Meine Bilder male ich mit Acrylfarbe  in einer Lasurtechnik. Ich trage ganz viele dünne, fast durchsichtige Schichten von Farbe auf. In diesem Fall betont die Durchsichtigkeit der Schichten auch die Vielschichtigkeit der Thematik und die vielen Einzelschicksale, mit denen man es hier zu tun hat.

Mit Kunst sind ja oft auch Emotionen verbunden. Dadurch, dass du diese Bilder gemalt hast, hast du dich wahrscheinlich nochmal ganz anders mit dem Thema auseinandergesetzt als die meisten Menschen. Welche Emotionen verbindest du mit den Bildern?

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Ja, es war anfangs überhaupt nicht leicht, dieses Thema in Bildern umzusetzen - für mich zumindest. Denn ich wollte eine bestimmte Wirkung erzielen, gegenständlich malen und gleichzeitig aber weder zu symbolisch plakativ oder zu urteilend werden. Aber der Prozess des Malens hat einiges an Emotionen auch in mir ausgelöst. Plötzlich war ich die Frau in meinen Bildern. Denn natürlich hatte ich für die Bilder kein anderes Modell als mich selbst. Für das „pornografisch anmutende“ Bild zum Beispiel habe ich mich vor dem Spiegel in unmöglichen Positionen geräkelt, um diese Position zu finden, in der ich voll dem Bild der willigen Nymphomanin entspreche, das vielen Frauen in der Prostitution zugeschrieben wird. Außerdem habe ich noch fast einen Tag in sogenannten Freierforen verbracht und dort „Bewertungen“ über Prostituierte in unterschiedlichen Bordellen gelesen. Die Art, wie dort geschrieben wurde, hat mich entsetzt.

Was hat dich konkret entsetzt oder schockiert?

Es waren nicht „bloße Bewertungen der sexuellen Leistung“, sondern auch und vor allem die Vorstellungen der Freier, wie viel Spaß die Frau selbst (vermeintlich) dabei hatte, wie allzeit bereit sie doch ist und dass sie nur auf den Freier gewartet habe. Gleichzeitig gab es sofort miese Bewertungen, wenn der Eindruck entstand, dass sie nicht so begeistert von der „überraschenden Gesichtsbesamung“ war (bei der sie dann den Kopf wegdrehte und ihm den Abschluss versaute) oder wenn die Frau Schmerzen beim Sex andeutete, durch Krallen ins Laken und Ausatmen (Zitat: „Nicht für Sportficker geeignet“). Ausgewählte Zitate habe ich dann auf die Haut dieser Frau geschrieben, was sich wie eine weitere Verstümmelung oder Entfremdung des eigenen Körpers anfühlte.

Warum hast du diese Bilder gemalt? Welche Wirkung erhoffst du dir?

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Mit meinen Bildern möchte ich Menschen bewegen, aus ihren Denkmustern auszubrechen und Dinge zu hinterfragen. Ich möchte Menschen irgendwo tief drinnen berühren und vielleicht wachrütteln. Ich möchte, dass Menschen anfangen darüber nachzudenken, ob Prostitution als vermeintlich „ältestes Gewerbe“ heutzutage noch eine Daseinsberechtigung haben soll, was es mit einer Gesellschaft macht, in der Frauen von Männern auf diese Weise benutzt werden können und was das dann auch für die Hierarchie zwischen Mann und Frau im Allgemeinen bedeutet. Ich bin mir sicher, dass jedem, der sich selbst und seinen Körper liebt, eine solche Trennung von Körper und dem Rest von sich kaum möglich ist - jedenfalls im weitaus überwiegenden Teil der Fälle nicht. Und dann muss man sich fragen, ob die Rechte der Wenigen, die sich tatsächlich freiwillig und selbstbestimmt prostituieren, gegenüber dem Recht auf Menschenwürde derer, die sich unter massiven psychischen Belastungen prostituieren, aufgrund von Not oder sogar durch Andere erzwungen, schwerer wiegen. Ich hoffe, dass ich dazu eine Diskussion anregen kann.


Eines der Acrylbilder  gibt es außerdem als Kunstpostkarte, die über lightup auf Spendenbasis zu bekommen ist. Wie diese entstanden ist, könnt ihr hier ansehen:

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Vielen Dank dir Sophia für deine Leidenschaft und Zeit, die du in dieses Projekt investiert hast.

Weitere Infos über Sophia:
Website: www.sophia-walter.de
Instagram: @sophia_walter_illustration
YouTube: Sophia Walter Illustration


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